Kalle darf alles!

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Dass Anne jetzt auch einen Hund hat, finde ich super! Ich finde Kalle – so heißt er – echt klasse. Auch oder gerade weil er ein total verrückter Kerl ist. Aber ich berichte besser von Anfang an.

Also: In unserem Dorf gibt es eine alte Windmühle, die schon lange nicht mehr in Betrieb ist. Darin wohnt und arbeitet Anne, Frauchens beste Freundin. Anne ist Holzbildhauerin. In ihrem Garten liegen riesige Baumstämme, an denen sie sägt und feilt, hämmert und leimt, bis seltsame Gebilde entstehen. Manche sind größer als ein Mensch. Sie sehen aber nicht wie Menschen aus, eher wie fremde Wesen. Was sie genau darstellen sollen, »das bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen«, hat Anne mal zu Frauchen gesagt. Nur selten kauft einer der Betrachter ein Kunstwerk von Anne. Deshalb stellt sie außerdem hübschen Schmuck aus Holz her. Halsketten, Armbänder, Ringe und Ohrhänger. Die verkauft sie in ihrer Mühle und auch über das Internet. Frauchen trägt immer eine Kette oder einen Ring von Anne. Und ich habe ich auch ein Schmuckstück von ihr an meinem Geschirr: ein kleines Holzherz mit meinem Namen und Frauchens Telefonnummer – falls ich mal verloren gehe.

Einen Mann hat Anne nicht. Aber dafür hat sie ja jetzt Kalle! Kalle kommt aus Griechenland. Dort wollte sich niemand um ihn kümmern, deshalb hatte er kein richtiges Zuhause und war auf sich allein gestellt. Was er dort alles durchgemacht hat, weiß niemand. Anne hatte Mitleid mit ihm, weil er extrem dünn und verwahrlost aussah – und hat ihn mit nach Deutschland genommen. Hier geht es ihm super, davon habe ich mich bei unserem Begrüßungsbesuch in der Mühle selbst überzeugen können. Aufgrund seiner Vorgeschichte hatte ich ein ängstliches, verschrecktes Etwas erwartet. Aber Kalle ist das genaue Gegenteil. Ein Temperamentbündel!

Er empfing Frauchen und mich mit lautstarkem Freudengebell, dabei kannten wir uns doch noch gar nicht! Während unsere beiden Frauchen sich eine ostfriesische Teezeremonie und Gebäck auf der Terrasse gönnten, forderte mich Kalle sofort zum Spielen auf. Wir balgten miteinander herum, zerrten zusammen an einem bunten Tau, verfolgten uns gegenseitig und rasten durch den Mühlengarten. Normalerweise ist mir der Garten etwas unheimlich, weil Anne dort ihre riesigen Kunstwerke aufgestellt hat. Diese Holzfiguren stehen starr da und zeigen keine Reaktion. Das gefällt mir nicht, obwohl ich natürlich weiß, dass es keine Lebewesen sind. Trotzdem wirken sie realistisch genug, um mir Angst zu machen. Aber zusammen mit Kalle fühlte ich mich unbesiegbar.

Kalle zeigte mir auch seine Kauknochen-Verstecke. Das ist ein echter Vertrauensbeweis, gleich bei unserem ersten Treffen! Nicht nur im Garten, auch in der Mühle hatte er Vorräte angelegt. Sogar in Annes Bett! Das sollte ich mir mal bei meinem Frauchen herausnehmen – nicht auszudenken! Auch die Anzahl seiner Verstecke hat mich schwer beeindruckt – er lebt doch noch nicht einmal zwei Wochen hier! Anne verwöhnt ihn offensichtlich sehr. Extrem nett von Kalle fand ich, dass er nichts dagegen hatte, dass ich einen lecker gefüllten Kauknochen von ihm stibitzte. Köstlich, mit Lachs drin!

Frauchen und Anne saßen die ganze Zeit auf der Terrasse. Menschen sind echt merkwürdig: Während wir herumlaufen, toben, schnuppern und die Welt erkunden, hocken sie einfach nur da und sprechen stundenlang miteinander. „Schön, dass Tomke und Kalle so schnell Freundschaft geschlossen haben“, hörte ich Frauchen sagen. Ja, das finde ich auch!

Ein bisschen neidisch bin ich schon auf Kalle. Er darf anscheinend alles: aufs Sofa springen, in den Beeten Löcher graben und sogar ohne Anne auf den Feldern herumlaufen. Darüber wunderte sich mein Frauchen auch: »Das gefällt Renke Frerichs bestimmt nicht, wenn du Kalle auf seine Felder lässt. Ein paar Grenzen solltest du dem Hund schon setzen«, empfahl sie Anne. Aber Anne war anderer Meinung. »Och, der arme Kalle hat so viel durchgemacht. Bei mir soll er es richtig gut haben«, sagte sie. Das hat er bestimmt. Doch das beste Frauchen der Welt, das habe ich!

So, jetzt bin ich hundemüde und muss erst einmal eine Runde schlafen.

Macht’s gut!

Eure Tomke

 

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